„Rückkehr aus dem Krankenhaus“

     

Mit diesem Titel projektierte die Stiftung Pflege e.V. eine Broschüre, die hilfebedürftigen Patienten und Angehörigen den Übergang in die häusliche Pflege erleichtern soll. Das vorrangige Ziel der Stiftung  ist, pflegerisches Wissen in die Bevölkerung zu tragen. Die Broschüre hat den Gisela-Rehfeld-Preis errungen, am 30.11.2006 wurde der Preis in einer Feierstunde in der Aerpah-Klinik in Esslingen überreicht. Der Preis ist gestiftet von Roelke-Pharma und wird alle zwei Jahre für wissenschaftsbezogene Verdienste der Pflege im Rahmen geriatrischer Rehabilitation überreicht. 

Projektverlauf

Zunächst war geplant, die Inhalte der Nationalen Expertenstandards gut verständlich an Patienten und Angehörige zu vermitteln, ein Callcenter sollte die Fragenden unterstützen. Nach Expertengesprächen wurde jedoch deutlich, dass für die Pflegeübernahme zuhause vorrangig grundsätzliche Fragen gelöst werden müssen: Kann überhaupt die Pflege privat fortgesetzt werden? Schafft die Familie das? Woher bekommen wir Hilfen bzw. Finanzierungen? Welche Entlastungsmöglichkeiten gibt es?
Durch diese Fragen wurde der Inhalt der Broschüre geleitet – die vertieften fachlichen Fragen z.B. zur Schmerzhilfe, zur Vorbeugung von Druckgeschwüren oder zur Kontinenz ergeben sich erst später im Pflegeverlauf und wurden deshalb nicht weiter ausgearbeitet.
Fokussiert wurde ein Informationspaket, das den Übergang von der Akutklinik in die häusliche Pflege erleichertern soll − vorzugsweise zur Ergänzung eines bereits vorhandenen Entlassungsmanagements – die Broschüre ist allerdings auch ohne Pflegeüberleitung verwendbar.
Innerhalb eines Jahres, von Mai 2004-Juni 2005, wurde das Projekt konzeptualisiert, implementiert und ausgewertet – dieser Zeitraum wurde von der Robert-Bosch-Stiftung im Bereich Theorie-Praxis-Projekte finanziert. Am Anfang des Projektes stand eine umfängliche Recherche zu Projekten und Handreichungen für Betroffene im Übergang zwischen Krankenhaus und häuslicher Pflege, sämtliche auf dem Markt verfügbare Broschüren bzw. Bücher wurden gesichtet. 
Als Partner konnten sechs Kliniken, kooperierende Einrichtungen des Instituts für Pflegewissenschaft, (Universität Witten/ Herdecke) gewonnen werden. Die zuständigen „Entlassungsmanagerinnen“ bildeten mit den wissenschaftlichen Vertreterinnen des Instituts eine Arbeitsgruppe, die sich im Projektverlauf mehrmals traf.
Zunächst ging es darum, die Inhalte zu entwickeln und die Broschüre herzustellen. Der Text sollte dann an ca. 100 Patienten bzw. Angehörige ausgegeben werden. Im Mittelpunkt standen Betroffene, die weiter pflegebedürftig waren (Erstantragsteller, noch nicht vom MDK eingestuft) und von der Akutklinik in die Häuslichkeit „verlegt“ werden sollten. Die Ein- und Ausschlusskriterien wurden in der Arbeitsgruppe festgelegt.
Die Broschüre wurde „angereichert“ mit weiteren ausgewählten Informationen zu Pflegetipps, Hinweisen zur Wohnungsanpassung und Produktproben, sie wurden als „Info-Paket“ der Stiftung Pflege e.V. ausgegeben.  In einem halbstandardisierten Telefoninterview zwei Wochen nach der Entlassung sollte bei den Betroffenen die Nützlichkeit der Broschüre nachgefragt werden. Ein strenges Zeitmanagement sollte den Projektabschluss innerhalb eines Jahres gewährleisten, trotzdem wurde die Ausgabephase von sechs auf elf Wochen verlängert. Mangels geeigneter Klinikpatienten wurden in dieser Phase noch zwei weitere Kliniken als Ausgabeort dazugewonnen.
Für die Situation der Überreichung der Broschüre wurde vereinbart, dass das Heft eher „beiläufig“ als Ergänzung der sonstigen Überleitungsbemühungen ausgegeben werden sollte. Auf keinen Fall sollte der Broschüre vorab einen besonders hohen Stellenwert zugesprochen werden.

Tatsächliche Teilnahme

Im Erhebungszeitraum wurden 82 Informationspakete von den Entlassungsmanagerinnen an die Patienten bzw. Angehörigen ausgegeben, von denen nicht alle den strengen Einschlusskriterien entsprachen. Ein Interview kam schließlich bei 40 Personen in der häuslichen Pflegesituation zustande.
In Zweidrittel der Fälle wurde mit Angehörigen gesprochen, in 11 Telefonaten antworteten die Pflegebedürftigen direkt. Diese Menschen litten an unterschiedlichsten Krankheiten, entsprechend dem Spektrum der üblichen Zivilisationskrankheiten (Krebs, COPD, Herz-Kreislaufkrankheiten, neurolog. Diagnosen). Die Gespräche dauerten durchschnittlich eine halbe Stunde und fanden mehrheitlich fünf Wochen nach der Entlassung statt.
Nach einem vorstrukturierten Leitfaden wurde offen nach den Inhalten der Broschüre gefragt. Alle Teilnehmer bestätigten den hohen Informationsbedarf zu Beginn der Pflegesituation, allerdings wurde die Broschüre z.T. Tage oder Wochen nach der Entlassung zur jeweiligen Klärung spezieller Probleme zu Rate gezogen,. Die Bearbeitung anstehender Fragen geschieht nicht langfristig vorbeugend, sondern in der unmittelbaren Situation – hier benannten Zweidrittel der Interviewpartner positive Auswirkungen der Texte. Als „Top-Thema“ wurden die Modalitäten der MDK-Einstufungen genannt. Insgesamt wurde die Broschüre als gut bewertet (8,25 von 10 Punkten), Umfang, Aufmachung und Sprache kamen sehr gut an, bedeutsame Informationslücken wurden nicht festgestellt.
Das Interesse, überhaupt schriftliche Informationen zu lesen, ist unterschiedlich verteilt - manche Menschen sind mit Texten grundsätzlich nicht erreichbar - Menschen, die auch sonst gerne lesen, beurteilten die Broschüre als sehr gut.
Schriftmaterialien sind eine gute Ergänzung der Gespräche im Rahmen des Entlassungsmanagements. Offensichtlich ist es schwer möglich, Menschen „auf Vorrat“ zu informieren und zu beraten. Einmal mehr zeigte sich, dass Lösungen erst dann gesucht werden, wenn sich die Probleme konkret stellen. Bei den kürzer werdenden Klinikzeiten macht es Sinn, zusätzliche Anstrengungen zu unternehmen.

Aufmachung der Broschüre

Die Grundbotschaft der Handreichung lässt sich im Motto „Mut machen“ zusammenfassen. Bei der Zuerkennung des Gisela-Rehfeld-Preises hat dieser Empowerment-Ansatz eine wichtige Rolle gespielt. Alle Sachinformationen im Heft sind in einer spezifischen Weise aufbereitet – gegenüber den Informationen der Ministerien und Pflegekassen wird hier ein „persönlicher Ton“ verwendet und die Leser werden zum Handeln aufgefordert. Die Gestaltung der Broschüre entspricht den gängigen Kriterien im Rahmen der „Patientenedukation“.
Der Text teilt sich auf in Themen zur Pflegeversicherung, zur MDK-Einstufung, zur Wohnraumanpassung und Hilfsmitteln, zu Hilfsangeboten und Entlastungsmöglichkeiten. Einen größeren Teil nimmt die Zusammenarbeit mit ambulanten Pflegediensten ein. Jedes Kapitel enthält weiterführende Adressen, alle Hinweise sind auf aktuellem Stand.
Besonders positiv aufgefallen sind die angenehme Gestaltung und Großschrift. Ein Fotomotiv von Steinen, als Bürde einerseits und in Balance andererseits, zieht sich durch die Broschüre – dank der Bilder von Jürgen Georg, Lektor des Huber-Verlages. Die Broschüre durchlief vor ihrer endgültigen Gestaltung mehrere Rückmeldeschleifen und einen Vortest.

Kasten

Gisela-Rehfeld-Preis
Gisela Rehfeld ist Geschäftsführerin des Unternehmens „Dienste für Menschen gGmbH“, als Pflegedienstleitung der Aerpah-Klinik in Esslingen hat sie sich im Bereich Geriatrischer Rehabilitation verdient gemacht.
Roelke-Pharma stellt u.a. Hüftprotektoren her und möchte mit diesem Preis auch die Arbeit von Frau Rehfeld würdigen. Der mit 5000,- Euro dotierte Preis wurde 2006 zum Zweitenmal verliehen.

Erfahrungen der Praxispartner

Abschließend wurden die Erfahrungen der Praxispartner in einem standardisierten Fragebogen erhoben. Die Situation der Broschürenüberreichung war allerdings sehr unterschiedlich, z.T. während des Entlassungsgespräches, z.T. auch davor, durchaus auch ohne ein weiteres Gespräch (dies wurde auch in den Telefongesprächen angemerkt). Gewünscht wurde von den Praxispartnern ein breiteres Klientenprofil für die Übergabe: Manchmal gingen Patienten weiter in eine Rehabilitations-Maßnahme, andere waren schon vorher pflegebedürftig, hatten aber Interesse; wieder andere gehörten zur Pflegestufe „0“, waren also (zunächst) gegenüber der Pflegekasse nicht anspruchsberechtigt usw.
Die engen Einschlusskriterien im Projekt haben den Stichprobenumfang beschränkt.
Während des Projektes entstand viel Nachfrage nach der Broschüre, einzelne Patienten meldeten sich bei der Stiftung, Leistungsanbieter fragten an. Inzwischen ist das Heft von verschiedenen Krankenhäusern und Pflegekassen geordert worden. 

Die Broschüre liegt nun in einer neu überarbeiteten Fassung vor. Sie kann über die Stiftung Pflege e.V. bezogen werden (www.stiftung-pflege.info). Einzelexemplare kosten 5,- Euro, für Mehrfachbestellungen werden Sonderkonditionen eingeräumt. Noch preiswerter ist die Übernahme eines größeren Satzes – mit der Möglichkeit, die Umschlagseiten werbend zu gestalten. Geplant ist eine Übersetzung der Broschüre in andere Sprachen.

Bestellung NUR über zoellner@uni-wh.de möglich.

 

Kontakt:
Dr. Angelika Abt-Zegelin
Fachbeiratsvorsitzende Stiftung Pflege e.V.
Erreichbar über:
Institut für Pflegewissenschaft
Universität Witten/Herdecke
E-Mail: zegelin@uni-wh.de

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