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Ausgehend von der
Überzeugung, dass sich soziale Beziehungen von Menschen
nicht auflösen, weil ein Mensch krank wird (Marsden
1992), dass das Leben eines Menschen vor der Aufnahme
auf eine IS in ein soziales System eingebettet war und
dieses System die Persönlichkeit eines Menschen prägt,
und dass ein Mensch mit der Aufnahme auf eine IS
demnach nicht seine Identität verliert, stellt das
zentrale Phänomen dieser Arbeit, dass vertraute
Angehörige im Erleben einer Krise eine existentielle
Bedeutung für die Betroffenen haben, keine große
Überraschung dar. Die Intention dieser Arbeit bestand
jedoch weniger darin zu überraschen als zu vertiefen
und zu verstehen.
Das ‚Erleben des Aufenthalts auf der IS als
existentielle Krise’ kennzeichnet die erste
Kategorie, die zu einem Verständnis der Bedeutung von
Angehörigen beitragen soll. Innerhalb dieser Kategorie
stellt die ursächliche Bedingung für die Notwendigkeit
der Intensivbehandlung den wichtigsten Faktor für
dieses Erleben dar. Mit einer Ausnahme nehmen
alle Betroffenen die Behandlungsursache als akute
Bedrohung ihres Lebens wahr und berichten davon, sich
ausgeliefert und überwältigt zu fühlen. Morse bestätigt
in ihrer Theorie, in der sie die Reaktionen von
Patienten auf die Bedrohung der Integrität des Selbst
erarbeitete, dass Menschen in der Phase, die zeitlich
dem Aufenthalt auf der IS entspricht, von den
Ereignissen überwältigt werden und benennt diese Zeit
als Phase der Zerschlagung („disruption“),
in der die Betroffenen eine Auszeit nehmen (Morse
1997). Sie betont, dass es die Hauptaufgabe von
kritisch erkrankten Menschen ist, „am Leben
festzuhalten“ (ebenda). Angehörige stellen das
Selbstverständliche, das Zugehörige dar und spielen im
Erleben der Betroffenen eine zentrale Rolle für deren
Überleben. Graham McClowry (1992) verweist darauf, dass
Familien Krisen nicht alleine bewältigen können und
sich einer Vielzahl von Institutionen anvertrauen
müssen, um die Bedürfnisse ihrer Mitglieder zu managen.
Auf einer IS sind Patientinnen zweifelsohne auf die
fachliche Expertise der Professionellen angewiesen.
Dennoch wird Angehörigen von den Betroffenen ein
größerer Beitrag im Sinne einer Förderung des
Gesundheitszustandes zugesprochen als Pflegenden
(Compton 1991; Eagleton u. Goldman1997; Morse u.
O’Brien,1995).
Ein Verwaltungsleiter begründet seine Entscheidung, die
IS für Angehörige zu öffnen damit, dass er keine
zufriedenstellende Antwort auf die Frage finden konnte,
warum es einer Familie nur begrenzt erlaubt ist, bei
ihrem kritisch erkrankten Mitglied zu sein, in einer
Zeit, die eines der leidvollsten Ereignisse im Leben
dieser Familie darstellt (Tribbett, M. in Daniels
1996). In dieser Aussage werden einem Bewusstsein und
einer Haltung Ausdruck verliehen, die es in der Pflege
von kritisch erkrankten Menschen zu vertiefen gilt. Es
muss nicht Aufgabe von Pflegenden sein, Patienten die
Familie zu ersetzen. Die Ergebnisse dieser Studie
zeigen deutlich, dass Professionelle eine andere Rolle
haben und das Vertraute nicht ersetzen können. Darin
ist auch eine entlastende Komponente für Pflegende
enthalten, die als weiteres Ergebnis dieser Arbeit
betrachtet werden kann und eine wertvolle Ressource für
jede Pflegeplanung darstellt. Unter dem Anspruch einer
‚ganzheitlich’ orientierten Pflege
verstehen Pflegende es häufig als Teil ihres
Verantwortungsbereichs, emotionalen Beistand zu spenden
und mit der Übernahme der Pflege eines Menschen quasi
all seinen Bedürfnissen begegnen können zu müssen.
Abgesehen davon, dass Patienten diesen Anspruch gar
nicht erheben, können Pflegende unabhängig von ihrer
anderen Rolle diesem Anspruch unter Berücksichtigung
ihrer umfangreichen Arbeit niemals gerecht werden, und
nicht selten resultieren daraus durch
Selbstüberforderung Unzufriedenheit und Frustration mit
der eigenen Tätigkeit. Aber Pflegende können neben den
offensichtlichen physischen Bedürfnissen, die in
direktem Bezug zum Grund der Aufnahme auf eine IS
stehen, auch die nicht immer sichtbaren aber
essentiellen Bedürfnisse von Patienten erkennen, ernst
nehmen, die Stärken einer Familie nutzen und Familie
als Bestandteil des therapeutischen Prozesses in die
Pflege integrieren.
So selbstverständlich die
Betroffenen die Anwesenheit ihrer vertrauten Menschen
betrachten, so selbstverständlich ziehen sie Grenzen um
das Intensivbett. Auch dieser Aspekt ist vor dem
Hintergrund der Gesamtsituation, die durch Veränderung
gewohnter Rollen, Schutzlosigkeit, Intimität und Mangel
an Privatsphäre gekennzeichnet ist, nur allzu
nachvollziehbar.
Auf einer IS gepflegt zu werden setzt nicht selten eine
akute Lebensbedrohung, in jedem Fall eine schwere
Erkrankung voraus und nimmt Betroffenen ihre gewohnte
und vertraute Rolle, was in der Äußerung
„da
hat dann jede Normalität aufgehört“
deutlich wird.
In den Interviews wird sichtbar, dass es in dieser
Phase zu einem Rückzug in Vertrautes kommt, in das, was
Schutz bietet und erlaubt, sich so zu geben und zu
zeigen, wie man ist: schutzlos, ängstlich und sehr
privat. Erschwerend kommt hinzu, dass sich IS durch
einen Mangel an Privatsphäre auszeichnen. Abgesehen
davon, dass die IS gleichzeitig „Wohnzimmer
(...) Schlafzimmer (...) Toilette (...) Bad (...) Flur
(...) Küche, alles(!)“ für die Betroffenen
darstellt, teilen sich mehrere Patienten häufig einen
Raum, wobei eine Trennung nach Geschlecht nicht immer
vorgenommen wird und lediglich (wenn überhaupt)
Stellwände oder Vorhänge den direkten Sichtkontakt
verhindern. Zusätzlich erfordert die Intensivtherapie
im wahrsten Sinne des Wortes einen permanenten Zugriff
der Professionellen auf die Betroffenen und berührt die
intimsten Bereiche eines Menschen. Mit der Erkrankung
und Therapie ist zudem häufig ein Erscheinungsbild
verbunden, das durch wenig bis gar nicht vorhandene
Kleidung, sowie durch Kabel und Schläuche, die z.B.
Körperflüssigkeiten unterschiedlichster Art
transportieren, als auch durch zum Teil offensichtliche
und von den Betroffenen als entstellend erlebte
Operationsnarben charakterisiert ist.
Die von den Interviewpartnerinnen benannten
Besuchsgrenzen lassen sich im Kontext der jeweiligen
Situation immer vor dem Hintergrund der Beziehung, in
der sie in ihrem ‚normalen Leben’ zu der
anderen Person stehen, erklären. Alltägliche soziale
Rollen werden durch den Kontext, in dem sie sich
ereignen, definiert und erfahren darin ihre Stabilität.
Die Begegnung zweier Menschen außerhalb dieses
Kontextes zieht eine Asymmetrie nach sich, die als
unpassend und unerwünscht erlebt wird. Je
‚öffentlicher’ der Kontext einer Beziehung
definiert ist, desto unangemessener erscheint das
Aufeinandertreffen mit einer diesen Kontext
repräsentierenden Person in einer derart intimen
Situation, wie sie auf einer IS anzutreffen ist.
Besonders Menschen, zu denen im Alltag eine rein
berufliche Beziehung besteht, noch dazu wenn diese
durch hierarchische Unterschiede gekennzeichnet ist,
sind auf einer IS unerwünscht. Es bedarf wohl keiner
Theorie, um zu verstehen und nachzuvollziehen, dass ein
Mensch in einer Situation, in der er sich ausgeliefert,
hilflos und überwältigt fühlt, ein Bedürfnis
entwickelt, sich schützen und, wie eine
Interviewpartnerin es formuliert, vor fremden Blicken
„verstecken“
zu wollen.
Darüber hinaus stellt das Bedürfnis nach Ruhe und
Erholung eine weitere Grenze von Besuch dar, und auch
hier wird eine Trennung zwischen vertrauten und fremden
Menschen vorgenommen. Sofern die Betroffenen es als
notwendig erachten, in der Besuchssituation eine
bestimmte Rolle aufrechtzuerhalten, Konversation zu
betreiben und ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit und
Konzentration aufbringen zu müssen, werden Besuche als
anstrengend und erschöpfend erlebt. Im Kontrast dazu
bestätigen die Interviewpartner, sich in der Begegnung
mit Angehörigen fallen lassen zu können und sich voller
Vertrauen so zu geben, wie es ihrer Bedürfnislage
entspricht.
Marsden (1992) wirft die Frage auf, ob
familienorientierte Intensivpflege eine Option oder
Obligation darstellt. Aus der Perspektive der
Interviewpartner möchte ich diese rhetorische Frage mit
der Hoffnung, die Milton sinngemäß wie folgt formuliert
hat, beantworten:
Vielleicht
werden Pflegende eines Tages erkennen, dass Familien
und Freunde keine Besucher sind sondern Menschen, die
sehr wichtig für die Genesung von Patienten sind. Dann
werden wir keine Besuchsrichtlinien mehr brauchen aber
mehr Wissen zur Förderung der Gesundheit von
Familiensystemen (Milton, D. in Prins
1989).
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