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Bei einem Interviewpartner greifen sogar alte Strukturen von Vertrautheit, und es ist die Ehefrau, von der er seit 20 Jahren getrennt lebt, die „fast jede freie Minute“ an seinem Bett verbringt und ihm durch ihre Fürsorge die Kraft zum Überleben gibt. Auf die Frage, ob Familie besonders in Situationen wichtig war, in denen er nicht kommunizieren konnte, antwortet er: „die war immer(!) wichtig, egal in welcher Situation. die war immer(!) wichtig. ob ich jetzt sprechen konnte oder nicht, (...) da brauchte ich ja auch gar nicht zu sprechen“, und er fasst unter Tränen zusammen: „ohne meine Familie hätte ich’s nicht geschafft. (03) das weiß ich, da bin ich hundertprozentig sicher. vor allen Dingen ohne meine Frau“.

 

Im Kontrast dazu wird deutlich: Professionelle haben eine andere Rolle. Neben Kritik wird in den Interviews auch viel Lob zum Ausdruck gebracht. Dennoch werden in der Beziehung zu den Professionellen Grenzen sichtbar, die den Wert des Vertrauten hervorheben. Die Interviewpartner beschreiben diese Differenz jedoch als völlig selbstverständlich und ohne ein Bedürfnis, diese Grenzen abbauen zu wollen. Dass Distanz die Anerkennung der Professionellen nicht schmälert, dass Professionelle aber die Rolle von Angehörigen nicht ersetzen können (müssen), macht eine Interviewpartnerin deutlich, indem sie sagt: „die waren wirklich echt rührend (..) aber (..), man sagt ner Schwester nicht, dass äh man Angst hat oder so, also der einen vielleicht aber ansonsten sagt man das nicht.“ Auf die Frage, was jemanden Nahestehendes von Pflegenden unterscheidet, antwortet sie: „der weiß(:) von mir und das kann, kann ne Pflegekraft ja nie(:) wissen, die kennen mich ja nicht. die kennen mich als als Menschen der da jetzt liegt, aber was ich fürn Mensch bin das kann die ja gar nicht wissen“. Und mit Verweis auf Privatsphäre ergänzt sie: „die sollen da auch gar nicht so viel von mir wissen. wenn ich da schon so liege. also das reicht wenn die sich wenigstens also pflegerisch um einen kümmern und das auch gut machen. also ich hab da nicht mehr erwartet. dass die mir zuhören und ähm, ich glaub auch nicht dass das da jeder leisten kann.“
 
Mit dem Verweis auf das, was geleistet werden kann, soll zur dritten Hauptkategorie Sich kümmern übergeleitet werden. Auf die Bitte, sich die Zeit auf der IS ohne vertraute Menschen vorzustellen, antwortet eine Interviewpartnerin:
„ich stell mir das ziemlich furchtbar vor“ und wirft die Frage auf: „wer sorgt(!) denn für den? wer kümmert sich denn? also es geht nicht nur ums reine Versorgen(:) sondern wer kümmert sich, wer ist für dich da und ja wer regelt auch was?“ 
Angehörige sind nicht nur aufgrund des Vertraut-Seins wichtig für die Betroffenen, sie erhalten ihre existentielle Bedeutung ebenso durch ihr aktives Handeln, durch das, was sie tun: sie kümmern sich. Diese Kategorie setzt sich aus den zwei Subkategorien ‚emotionaler Beistand’ und ‚praktischer Beistand’ zusammen, die nachfolgend charakterisiert werden.
Emotionalen Beistand als solchen wahrzunehmen, ist eng an Vertraut-Sein geknüpft, was die Qualität dieser Erfahrung überhaupt erst möglich macht. Eigenschaften dieser Subkategorie beziehen sich im wesentlichen auf Aspekte, die mit Nähe und Berührung assoziiert sind. Sie getrennt voneinander darzustellen, dient lediglich dem Zweck der Beschreibung; in der ‚Praxis’ sind sie unmittelbar miteinander verbunden und geschehen zeitgleich. 
In den Interviews wurde immer wieder betont, wie viel Sicherheit, Schutz und Kraft das einfache „da Sein“ einer vertrauten Person bewirkt. Dabei besteht keinerlei Erwartung an Aktivität, sondern lediglich der Wunsch, dass jemand da ist. Eine Interviewpartnerin sagt dazu:
„wenn man da ganz alleine ist, dann gibt man vielleicht auf, (...) ich denk auch, dass man einfach jemanden braucht der da sitzt und da ist. weil man sonst glaub ich auch gar nicht so ja den Sinn sieht, dass man's wirklich schafft. und auch wieder will“. Eine andere Interviewpartnerin, die keinen Besuch haben durfte und das Gefühl hatte, alleine auf dieser Welt zu sein, hält Beistand für „das Allerwichtigste“ und differenziert dabei sehr wohl die ‚Zuständigkeitsbereiche’: „obwohl die einem ja in gesundheitlicher Hinsicht nicht helfen können, aber das ist doch gar nicht das Entscheidende. das Entscheidende ist, dass jemand da ist, dass man sich nicht so allein fühlt, und das allein macht ja Mut“. 
 

Berührung, eine weitere Eigenschaft emotionalen Beistands, wird für Zeiten von Leid, Schmerz und Trauer beschrieben, für Momente von Hoffnung und Freude, und ebenso für Augenblicke, in denen das Reden aus unterschiedlichen Gründen nicht möglich oder gewollt ist. Körperliche Nähe vermittelt Wärme und Geborgenheit und ermöglicht Kommunikation jenseits des Wortes. Eine Interviewpartnerin, die beim Diagnosestellen viel Berührung durch eine Freundin erfährt, erinnert diese Nähe als Möglichkeit, sich anklammern und damit die Heftigkeit der Diagnose überhaupt aushalten zu können. Wort- und Sprachlosigkeit beschreibt ein Interviewpartner nach seinem Suizidversuch. Die Nähe, die er trotz oder gerade auch wegen all der Umstände durch seine Mutter erfährt, erinnert er wie folgt: „sie hat mich berührt, mir das Gesicht, die Hand so gestreichelt und das war, ja das war eigentlich schöner sag ich mal als das reden. weil äh für das, was ich da so in dem Augenblick empfunden hab gibt's auch keine Worte so für. ne Begründung dafür zu liefern, das hätt ich irgendwie gar nicht gepackt. einfach nur da liegen und zu fühlen meine Mutter ist da, die streichelt mich; über diese Schiene kommt halt mehr als über Worte. das war.. ja eigentlich sehr schön. sehr warm. die friedlicheren Augenblicke“.

Anteil zu nehmen
stellt die dritte Eigenschaft von ‚emotionalem Beistand’ dar. Dabei spielt Zeit, ein Gut das Professionelle aufgrund ihrer Arbeitsbelastung selten für ‚Persönliches’ erübrigen können, eine wesentliche Rolle. Anteil zu haben und zu nehmen setzt häufig eine vertraute Bindung zwischen Menschen voraus. In der Anteilnahme geben Angehörige den

Betroffenen die Möglichkeit zu erzählen, was sie beschäftigt und was sie erlebt haben. Für einen Interviewpartner bedeutet das die einzige Möglichkeit, Gespräche zu führen und er betont: „
wenn ich da keinen Besuch gehabt hätte, dann hätte ich glaube ich das Gefühl gehabt nicht mehr auf dieser Welt zu sein.  also natürlich im Hinblick warum ich da auf war, aber es hatte auch den Grund, dass ich das Gefühl hatte, dass man auf Intensivstation mit der Situation überhaupt nicht umgehen konnte. und der Besuch war dann wirklich das Einzige wasmich, ja auf dieser Welt willkommen geheißen hat. (lacht) das war nicht die Intensivstation“.
 
Während Anteilnahme primär durch die akute Situation und das Erleben der Betroffenen gekennzeichnet ist, vermittelt ein
teilhaben lassen am Alltag eine Idee nach draußen, eine Erinnerung an Normalität und die Sicherheit, nicht vergessen oder isoliert zu werden. Ein Interviewpartner fasst das zusammen, indem er beschreibt, dass seine Ehefrau den Alltag mit auf die IS brachte, was in ihm die Beruhigung ausgelöst hat: „dass man nicht so ganz herausgefallen ist aus dem Kreise seiner Lebensgewohnheiten“.
 
Praktischer Beistand, die zweite Subkategorie des ‚sich Kümmerns’ setzt sich aus Eigenschaften zusammen, in denen Angehörige aktiv handeln. Für viele erfolgte die Aufnahme auf die IS unverhofft und ungeplant, wodurch organisatorische Notwendigkeiten anfallen. Die Eigenschaft regeln und organisieren kann hier bedeuten, dass sich jemand um die Wohnung kümmert, Kleidung und persönliche Sachen mitbringt, Vorbefunde organisiert und Angehö-
rige und/oder den Arbeitgeber informiert. Die Eigenschaft
sich beraten bezieht sich sowohl auf Beratungen mit den Betroffenen selbst als auch mit Professionellen und untereinander. Wenn Betroffene sich nicht mehr aktiv an Prozessen der Entscheidungsfindung beteiligen können, übernehmen Angehörige diese Rolle und treffen z.B. Therapieentscheidungen. Der Aspekt des Aufpassens beinhaltet Umsicht und die Übernahme von Tätigkeiten, die das Wohlbefinden positiv beeinflussen und Sicherheit gewährleisten. In einem Fall vermitteln Angehörige durch ihr Aufpassen die Sicherheit, dass das Infusionsprogramm richtig läuft und der Interviewpartner in dem Wissen, dass hier bereits Fehler aufgetreten sind, von der Verantwortung befreit ist, selbst darauf achten zu müssen.

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