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ERGEBNISSE


Dieser Bereich gliedert sich in zwei Teile. Hauptteil I widmet sich der Bedeutung von Angehörigen und stellt das zentrale Phänomen der Studie dar. Im zweiten Teil werden Grenzen von Besuch angesprochen. Hier wird sichtbar werden, dass Angehörige aufgrund ihrer Bedeutung von den Betroffenen nicht als Besucher betrachtet werden.

 
Teil I: „ohne Familie geht’s nicht“ 

Die Entscheidung für eine qualitative Forschung liegt in dem Verständnis von Besuch als sozialer Interaktion. Besuch wird also verstanden als Prozess, in dem reziprok Bedeutung entsteht. In den Schilderungen der Betroffenen wird der abstrakte Begriff des Phänomens „Besuch“ gefüllt durch „Besuche“ als konkrete Ereignisse sowie durch „Besucherinnen“ als real handelnde Personen. Dabei wird die lebensgeschichtlich erworbene Beziehung als entscheidendes Merkmal  sichtbar. Ihre Bedeutung erweist sich einerseits als unabhängig vomKontext der Gesamtsituation, andererseits beeinflussen bestimmte Merkmale, z.B. Hand-
lungsweisen der übrigen Akteure im Feld, durchaus Stärke und Ausprägung dieser primären Bedeutung. Zusammenfassend lässt sich das zentrale Phänomen dieser Studie (s. a. nachfolgende Grafik) in folgender These formulieren: 

 

Unter Bedingungen, in denen der Aufenthalt auf einer IS von den Betroffenen als existentielle Krise oder Bedrohung erlebt wird, bekommen und übernehmen Angehörige eine existentiell bedeutsame Rolle, die den Betroffenen die Verbindung zur Welt ermöglicht und deren Überleben sichert.

 

Das Erleben des Aufenthalts auf der IS als existentielle Krise, kennzeichnet eine der drei Kategorien, die zum Verständnis der Bedeutung von Angehörigen beitragen. Die ursächliche Bedingung für die Intensivbehandlung stellt dabei den wichtigsten Faktor dar, da diese bei allen Interviewpartnern mehr oder minder mit einer akuten Lebensbedrohung einherging. Dass die Gründe für die Aufnahme von allen unaufgefordert thematisiert wurden, lässt darauf schließen, wie wichtig der Kontext für das Verständnis der Rekonstruktion von Erfahrungen ist. Zwei Interviewpartnerinnen wurden z.B. durch akute Hirnblutungen aus ihrem Alltag herausgerissen. Eine der beiden erinnert, ihren Mann um Hilfe gerufen zu haben: 
“du musst kommen, mir geht’s nicht gut, ich glaub mein Kopf platzt” und da hat er gesagt “ruf den Notarzt an” und ich hab dann einfach nur gesagt “kann ich nicht” und hab aufgelegt. und dann hat er super(!) reagiert ne. (...) und dann [waren die] innerhalb von n paar Minuten da, und da hab ich sofort Sauerstoff gekriegt und da schwamm mein Gehirn schon im Blut. wäre ich fast erstickt (...). ja absoluter Notfall. fünf Minuten später wär es zu spät gewesen“. 

 

Die Wahrnehmung der Professionellen stellt einen weiteren Faktor dieser Kategorie dar. Hier sind Variationen von „sehr fürsorglich“ und „total lieb“ bis hin zu „rigoros“, „unheimlich kalt“, oder „abgestumpft. unsensibel“ sichtbar, entscheidend sind jedoch Situationen, in denen Pflegende und Ärzte massiver Kritik ausgesetzt werden. Dazu zählen unpersönliches Auftreten, Unachtsamkeit, Mangel an Empathie und psychosozialen Fähigkeiten bis hin zu als Bestrafung wahrgenommenes Verhalten. Psychosoziale Defizite bringt ein Interviewpartner mit Aphasie zum Ausdruck:
„[die] sprechen nicht mit dir weil du ja nicht sprechen kannst. du kannst aber jedes, du kannst ja alles verstehen(!) ja? aber du(:) kannst nicht antworten, also bist du für den im wahrsten Sinne des Wortes kein Gesprächspartner. das heißt du wirst abgehakt. du bist degradiert. als nicht vorhanden. du bist gar nicht im Raum. du wirst übergangen. dich gibt’s ja gar nicht mehr“


zentrPhaen

Bild 1: Schematische Darstellung des zentralen Phänomens
(Für eine größere Darstellung, bitte auf das Bild klicken)


Die Wahrnehmung der IS nimmt den geringsten Einfluss auf das Erleben der Gesamtsituation. Die Interviewpartnerinnen schildern viele Variationen, aber ähnliche Beobachtungen erfahren zum Teil auch gegensätzliche Bewertungen. In Situationen jedoch, in denen Betroffene bewusstseinsbeeinträchtigt sind, kann die IS mit ihren fremden Charakteristika beängstigende bis bedrohliche Ausmaße annehmen. Ein Interviewpartner stellte zum Beispiel einen Vergleich mit einem Gefängnis an.
 
Alles, was diese erste Kategorie kennzeichnet, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Kontext der aktuellen Situation. In der zweiten Hauptkategorie Vertraut-Sein wird nunmehr eine Ebene beschrieben, die unabhängig vom aktuellen Kontext existiert und gerade aus diesem Grund von so großer Bedeutung ist.

Das Verständnis dafür, warum Angehörigen in diesem Kontext eine existentielle Rolle zuteil wird, ist vor dem Hintergrund ihrer alltäglichen Rolle und der Bedeutung, die nahestehende Menschen füreinander haben, zu sehen. Damit ist eine Ebene angesprochen, die unabhängig vom beschriebenen Kontext existiert und gerade aus diesem Grund in Erscheinung treten kann. Wenn Menschen aus ihrem Lebensalltag herausgerissen und durch überwältigende Ereignisse in ihrer Identität bedroht werden, suchen sie Halt und Unterstützung in Vertrautem, in dem was sie kennen. Eine Interviewpartnerin reagiert zum Beispiel auf die Konfrontation mit einer lebensbedrohlichen Diagnose wie folgt:
„also das(!) war mir dann auch klar, dass ich da jetzt meinen Bruder brauch. das war wichtig, ne. dass der da unbedingt informiert werden musste nochmal. und ich auch so das Gefühl gehabt hab, ich brauch den; ich brauch ihn irgendwie jetzt bei mir in der Nähe, ich brauch da jemanden, der mich lang kennt“.
Sich zu kennen setzt gemeinsame Erfahrungen voraus, ein Wissen um den Anderen und erlaubt ein Verstehen, das nicht vieler Worte bedarf. Wer anders als jemand, der um die Identität eines Menschen, seine Wünsche und Werte weiß, wäre in der Lage, einen drohenden Identitätsverlust abzuwenden? Ein Interviewpartner führt dazu aus:
„die Situation das alles nicht mehr zu können, was dich(!) ausmacht, du(:), ja? du bist überhaupt nicht mehr du. ja? (...), das bist(!) du gar nicht mehr und jetzt is auch dieser Partner, der wär auch nicht da. das andere is alles schon fremd, du bist dir selbst fremd geworden, weil so kennste dich gar nicht, ja? und und dann äh dann ist das unwahrscheinlich(!) wichtig“.

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